Ein kleiner Textauszug aus „Der Tod & andere Komplikationen“.

Kai ist im Jenseits gestrandet. Weil sein Lotse Chantal einen Fehler gemacht hat, will man ihn im Jenseits nicht in ein Totenszenario aufnehmen. Also hat Chantal Kai erst einmal mit in das Lotsenbüro genommen. Die Lotsen haben kuriose Namen. Sie heißen immer so, wie  die Person, die sie als erstes ins Jenseits transportiert haben.

Am Ende eines langen Flurs öffnete Chantal die Tür zu einem fensterlosen Großraumbüro. Wie in amerikanischen Filmen waren die Arbeitsplätze durch flache Trennwände begrenzt. Auf ihrem Weg durch das Büro tauchten über einigen Trennwänden neugierig blickende Gesichter auf.
„He Chantal, wen bringst du denn da mit?“, fragt eine zierliche Frau mit einem asiatischen Gesicht.
„Erklär ich dir später, Dimitri. Ist Marlene da?“, sagte Chantal matt.
„Nein, er ist gerade in der Referatsleiterrunde.“
Chantal seufzte. Sie hatten seine Box erreicht, in der ein kleiner Schreibtisch mit einem Computer stand. Chantal schleppte einen zweiten Stuhl in die Box und nahm dann ein paar Papiere aus dem Drucker.
„Na super, schon wieder drei neue Aufträge. Und das, wo ich noch den Unfall und dich habe“, stöhnte er. „He, Adolf. Kannst du mir einen Auftrag abnehmen? Hier, ein Ertrinkender auf den Bahamas, der wäre doch was für dich.“
Aus der Nebenbox erschien der Oberkörper von einem Mann mit Pferdeschwanz und geteiltem Ziegenbart. Er trug eine dicke Brille, die seine großen Augen unheimlich betonten. Er hatte ein schwarzes T-Shirt an.
„Na gut, kann ich machen. Aber nur, wenn die beschissenen Computer endlich wieder laufen und ich das Exposé ausdrucken kann.“
Er reichte Kai seine mit Totenkopfringen bestückte Hand. „Hi, ich bin Adolf.“
„Angenehm Kai. Du hast deinen Namen doch nicht etwa 1945 von so einem kleinen Typen mit schwarzem Schnauzer gekriegt, oder?“
Adolf lachte. „Nee, war irgendein Tattergreis aus Argentinien. Muss 1974 gewesen sein, als bei euch das erste AC/DC-Album rauskam. Klein und mit Schnauzer war der aber auch.“
„Ich erklär dir später, was Kai hier macht. Er ist eine unerledigte Passage. Ist ein wenig kompliziert“, sagte Chantal, der an seinem Computer saß. „Wieso funktionieren diese blöden Kisten denn schon wieder nicht?“
„Weiß nicht. Die IT-Jungs sind da dran, kann aber dauern. Zur Not kannst du dir das Exposé bei den Controllingleuten ausdrucken lassen. Die können noch arbeiten.“
Chantal stieß die Tastatur weg. „Können die uns nicht endlich mal vernünftige Kisten hier hinstellen. Wir haben doch vor gar nicht allzu langer Zeit diesen schrägen Apfel-Typen ins Jenseits gekriegt. Können die den nicht mal kurz aus seinem Szenario holen?“
„Ich hab gehört, dass sie das versucht haben“, grinste Adolf. „Aber der Typ soll stur wie ein Esel sein. Weil ihm die verfügbaren Displays zu schlecht sind, weigert er sich, für uns Rechner zu entwerfen. Und ohne seinen Designer läuft schon mal gar nichts. Aber auf den müssen wir noch ziemlich lange warten.“
Chantal brummte genervt. „Dann stapf ich mal ins Controlling und lass uns die Exposés ausdrucken. Kannst du inzwischen auf Kai aufpassen?“

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